AerAquaAngelusVox

– eine radiophone Klangreise mit Hildegard

Der Eifer Gottes nach dem Rupertsberger Kodex der Hildegard von Bingen   (Aquarell und Buntstift, Abbildung von Dagmar Dieterich, 1990)

Die radiophone Klangkomposition AerAquaAngelusVox repräsentiert eine imaginäre „HörReise“. Angelegt als eine akustisch-spirituell-kontemplative Meditation in Form eines spiralförmig sich entwickelnden KlangMandalas, soll sie u.a. den Seinszusammenhang von Mensch, Natur und Kosmos gleichermaßen sinnlich wie geistig erlebbar machen.

Die vier Klangebenen, oder besser gesagt KlangMilieus, Luft – Wasser – Engel – Stimme bilden in ihrem selbständigen und hierarchiefreien Zusammenklang (symphonia) ein multilineares, symbiotisches KlangGefüge (harmonia) aus ausschließlich organischen Klangkomponenten der drei Kategorien Natur – Tier – Mensch.

Der Beginn der radiophonen Klangreise ist mit dem „Leben schaffenden“ Grundklangelement Luft gestaltet. Dieses Klangmaterial wird ausschließlich aus transformierten Frauenstimmen generiert und reicht vom puren Atemgeräusch bis hin zum einzelnen gesprochenen Wort.

Gleich darauf folgt die „prima materia“: das Wasser. Mit sechs seiner wichtigsten Erscheinungsformen und symbolischen Bedeutungen – Quelle, Brunnen, Bach, Regen, Fluß und Meer – strukturiert es die ganze Klangkomposition als eine Tagesreise, vom Morgengrauen über den Tag hinweg bis zur Nacht.

Zusammen mit der Luft, die Natur symbolisierend, bildet das Wasser ein permanent anwesendes, ständig zwischen „purem“ Naturalismus und „reinem“ Klangereignis hin und her changierend, ein frei fluktuierendes Resonanzfeld für die beiden anderen KlangMilieus Engel und Stimme.

Die „Geister der Luft“, die „geflügelten Seelen“ – die Vögel – bilden ein Ensemble von sogenannten „entsubjektivierten Ausdrucksmaterien“ (Gilles Deleuze) und abstrakt-rhythmisch-melodischen KlangFiguren. Diese entstehen mit Hilfe sog. digitaler Klangprozessoren (Sampler) mittels derer, auf quasi naturwissenschaftliche Weise, die akustisch-molekulare Binnenstruktur der achtzehn in dieser Musik verwandten Vogelstimmen gesammelt, erforscht, hörbar und hiermit für die künstlerische Arbeit verfügbar gemacht werden können.

Die Vögel verweisen in ihrer artifiziellen Präsenz somit nicht mehr nur auf sich selbst oder auf ihre nichtklangliche Symbolik, sondern darüber hinaus auf das weite und offene, geschichtlich-kulturelle Assoziationsfeld, welches gemeinhin mit dem Wort „Engel“ evoziert wird.

Die vierte Klangschicht Vox wird hauptsächlich mit dem gänzlich untransformierten, von drei Fauenstimmen a cappella gesungenen, Responsorium „De Angelis“ von Hildegard von Bingen, gestaltet. Das Responsorium wird nur, den natürlichen Atem- und Textzäsuren folgend, in einzelne Klangformeln zerlegt und bildet, in seiner original chronologischen Reihenfolge über die ganze Klangkomposition nach streng harmonikal- symmetrischen Gesetzen verteilt, eine KlangMatrix, welche – die für den Menschen linear vergehende Erlebniszeit – quasi wie ein Stundengebet strukturiert.

Zusammen bilden die vier Klangebenen ein ganzheitlich und unmittelbar wirkendes „HörErlebnis“, daß vielleicht zu jener, über alle Zeiten und Kulturen hinweg immer wieder beschriebenen Erkenntnis führt, daß „alles mit allem“ auf dieser Welt konsistent ist.