WHY KNOT?

WHY KNOT?

Rhizome – Connection – Icon

13.01.-11.02.2018
Galerie GEDOK Karlsruhe
Markgrafenstr.14, 76131 Karlsruhe

Mi-So 16–19 Uhr, Karlsruher Galerien-Tag 20.01.17, 15–20 Uhr

Vernissage: 12.01.2018, 19 Uhr
Einführung: Dr. Annette Hünnekens
Knot I: SolarSonical Insects, Konzertinstallation mit Carolin E. Fischer, Blockflöten

Knot II: 7.02.2018, 17 Uhr
„WHY KNOT? – Kommunikation als Prozesse des Lebens“
Akademie für Wissenschaftliche Weiterbildung Karlsruhe, Veranstaltung mit Sabine Schäfer, mehr…

Aktuell gehen Technologie und Naturwissenschaft zunehmend vielfältige kommunikative Verbindungen nach Regeln kreativer Verknüpfung ein. Die dabei entstehenden Hybride ha-ben nicht nur neue Materialeigenschaften, sondern können immer auch mit Blick auf ihre Codes gelesen werden. Im Spannungsfeld zwischen der naturhaften Welt der Rhizome und der abstrahierten Welt der Zeichen und Ikone werden Verbindungsmuster zwischen analog und digital wahrnehmbar.
Die Ausstellung, konzipiert als audio-visuelle Rauminstallation, bringt nicht nur Licht zum Klingen, sondern zeigt in den Arbeiten und Kooperationen von Sabine Schäfer, wie Verknüpfungen in unterschiedlichen Dimensionen ein unsere Zeit prägendes synästhetisches Erleben analoger Welt und digitaler Realität hervorbringen.

Die Nutzung der QR-Codes als Bild-gebendes Element und als Zugang zu den Audio-Kompositionen berührt gleichzeitig grundlegende Prinzipien und Elemente von Kommunikation als Prozesse des Lebens.

Die Ausstellung zeigt Werke der Künstlerin, des Künstlerpaares <SA/JO> Sabine Schäfer / Joachim Krebs sowie Werke, die mit dem Künstler und Landschaftsarchitekten Ulrich Singer und dem Medienkünstler Lorenz Schwarz entstanden.

kuratiert von Dr. Annette Hünnekens und Sabine Schäfer

Zur Ausstellung:
Die Medienkunstausstellung bespielt zwei unterschiedliche Räumlichkeiten und setzt der Kunst im Galerieraum der GEDOK Karlsruhe auch Werke der Kunst für den öffentlichen Raum hinzu.

Somit spielen sich die medialen Ereignisse nicht nur im Innenraum der Galerie sondern auch im Außenraum ab. Beide Räume sind durch eine Fensterwand getrennt, wodurch es möglich wird, den Blick hinein in den Innenraum in die nach außen zeigende Installation zu integrieren. So werden diese visuell als auch auditiv (durch nach außen zeigende QR-Codes für die Musikübertragung) zu permeablen Räumen der Kunst, zu begehbaren Ereignissphären, die nicht mehr zwischen Innen- und Außenfeldern, privaten und öffentlichen Räumen zu unterscheiden scheinen.

Im Fokus stehen audiovisuelle Mikro- und Makrodimensionen. Das vorherrschende Motiv ist die Versinnlichung und Gleichbewertung der grundlegenden Prinzipien und Elemente von Kommunikation als Prozesse des Lebens.

Die Kunstwerke:

AUSSENRAUM

MicroSonical Shining Biospheres No. 1/2
<SA/JO> Sabine Schäfer / Joachim Krebs.
Mikroklang-Lichtbild-Skulptur mit Audio per QR Codes.
REM-Lichtbilder-Galerie Leuchtkästen, 2009/17

INNENRAUM

SolarSonical Insects
<SA/JO> Sabine Schäfer / Joachim Krebs.
Audio-Video-Installation, 2012/2017
Animation (10-50 Bilder pro Sekunde) aus 7.200 Bildern des NASA-Satelliten „Solar Dynamic Observatory“ (SDO) von der Sonne aus dem Jahr 2011 (Dt. Luft-u. Raumfahrtzentrum und Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung)

AudioBiospheres
Sabine Schäfer. Multiple. Interaktive Druck-Serie mit Audio per QR Code, 2017

MicroSpheres of Nature
Sabine Schäfer. Interaktive Druck-Serie mit Audio per QR Code , 2017

TopoPhonic Lines
Sabine Schäfer: 16-kanalige Raum-Klang-Installation, 2015

N.N.
Pflanzen-Objekt mit Audio per QR-Code, 2017
Sabine Schäfer / Ulrich Singer.

 

Dr. Annette Hünnekens

WHY KNOT?
– Eine audio-visuelle Rauminstallation der Künstlerin Sabine Schäfer

 

Verknüpfung (Verkettung)

Der Titel „Why Knot?“ bringt die Kernaussagen der Ausstellung auf den Punkt. Denn sie fragt nicht nur danach, wie wir verbunden sind und stellt auch nicht zur Diskussion, ob und wie wir verbunden sind, sondern sie fragt danach, warum wir uns, die Welt oder die Dinge überhaupt verbinden sollen?

Eine der möglichen klassisch humanistischen Antworten hierauf wäre, um in diesem der Kommunikation zugrunde liegenden Akt Entlegenes und nicht Wahrnehmbares in unseren Horizont zu rücken, um all dieses besser wahrnehmen und somit verstehen zu können.

Denn wenn wir Dinge verstehen, können wir sie unter Umständen nicht nur synthetisch herstellen, sondern auch entscheiden, ob und wie wir generell handeln möchten. Der Verknüpfung als Mittel zur weiteren Waren-Expansion, zur Erfindung und Entwicklung von so genannten intelligenten Materialien und Waren z.B. durch bionische Hybridbildung wird die Verknüpfung als Mittel zur Einsicht gegenübergestellt.
Dem seriell scheinbar intelligent gewordenen Bild, dem Materie gewordenen Klang steht die pure „Einsicht“ der Bewegtbild-Sequenz in „SolarSonic Insects“ gegenüber.

Wir haben also die Wahl was wir mit diesem Wissen und Erkenntnissen anstellen wollen.

Das größere Verständnis aller Zusammenhänge bietet uns eine wesentlich bessere Entscheidungsgrundlage für alle Verknüpfungsvorgänge, die in der Zukunft möglich werden. Und so können wir unmittelbar die Kosten und Konsequenzen ablesen, die entstehen, wenn wir unsere Verknüpfungsaktionen und Handlungen allein durch marktwirtschaftlichen Profit begründen wollen.

 

Gleichwertigkeit

So wie die Parameter unserer Wahrnehmung, Licht, Farbe und Klang im Wellenspektrum als gleichwertige Größen behandelt werden, so ist auch das ästhetische Prinzip der einzelnen Werke mit Bezug auf die Rhizomatik von Gleichwertigkeiten geprägt.
Der rhizomatischen Gleichwertigkeit liegt ein gemeinsames Wertesystem zugrunde, in dem Systeme von Linearität und Hierarchie Unter-Strukturen darstellen und sich dem Gesamtsystem der Gleichwertigkeit der Teile unterordnen. Diese sind im Miteinander, im Konzert der Teile, in der Synthesis aufgehoben und zeigen uns ihre ästhetische Qualität. So wird ein Code im Kunstwerk dem fotografischen Abbild ebenbürtig auch wenn dieser einem völlig anderen Sprach- und Zeichensystem zugehört.

Durch den Einsatz des QR Codes wird der Betrachter zum Steuermann seines synästhetischen Erlebnisses, dass er zu einem beliebigen Zeitpunkt beginnen lassen bzw. enden lassen, über Kopfhörer oder über seinen Lautsprecher am Handy wahrnehmen kann oder das er tatsächlich auch mitnehmen kann. Das ästhetische Erleben gelingt, wenn die Situation des Multitasking in der Fähigkeit zur Integration der verschiedenen Wahrnehmungsebenen aufgeht.

Ob afrikanische Pflanzenwelt, Insektenwelt oder die Sonne als Königin unseres Kosmos, all diese Bildzeichen sind wesentliche Bestandteile und Grundlagen des Lebens.
Ihnen gemeinsam ist auch der Zoom-matische oder mikroskopische, Skalierungen verändernde Blick, dem sie unterzogen werden und unter dem die Prozesse der gegenseitigen Akkumutation und Assimilation und der hybriden Vereinigung erst gelingen können.
Unter dem Betrachtungswinkel der Gleichheit der Teile werden das Zusammenspiel und die gegenseitige systemische Verbundenheit als fließend-prozesshafte Parameter des Werdens und Vergehens erfahrbar.

Die Bilder spielen mit unserer Bild – und Hörerwartung, mit informationellen und narrativen Mustern.
Zum einen fühlen wir uns vertraut mit der Bild- und Zeichensprache, jedoch durch Stilisierungen, Montagen und Brüche sind wir auch aufgerufen, Verbindungen und Verknüpfungen d.h. Bedeutung aus den Gesten der Deutungen zu generieren.
Die akustische Spur aktiviert das Kino im Kopf, wobei das Stück vom Rezipienten geschrieben wird. Die simple Logik des „on-off“ wird durch Dekontextualisierung unterwandert. Dies vollzieht sich zum Beispiel dadurch, dass der Betrachter nach dem Lesen des QR Codes weiter an den Bildern vorbei schreitet und dabei den Sound sozusagen klingend mitnimmt. Dadurch wird er selbst zur Klang-Quelle, und ebenso zu einem Teilnehmer am Konzert der Tierwelt. Das akustische Klang-Ereignis verteilt die Verantwortung für das gemeinsame Konzert.

 

Kommunikation

Was macht unsere Kommunikation im Wesen aus, wie erkennt man, dass es sich bei den Teilnehmern um ‚echte Lebewesen‘ handelt und nicht um Maschinen oder um ‚intelligente‘ Kommunikation?
Die Kompositionen der Tierstimmen könnten auch „Sound of the Global Originals – Music for the Native Natural Inhabitants of the World“ heißen, denn sie markieren einen Kontrapunkt zur weltweit zunehmenden intelligenten technologisch unterstützten IT Kommunikation. Zwar wird digitale Technologie eingesetzt, um gewisse Tierstimmen in ihrer Gänze hörbar werden zu lassen, doch bleiben ihre inneren Klangstrukturen proportional erhalten und werden nicht verfälscht. Somit wird es uns mikroskopisch möglich, ihre innere Logik zu erleben und wahrzunehmen, was das Wesen von Kommunikation ausmacht.

Im weitesten Sinne können die Vertreter dieser hörbarer gemachten Stimmen als „Botschafter für Naturkommunikation“ aufgefasst werden und setzen mit ihrer naturhaften Kommunikationsstruktur unserer heutigen technologisch geprägten Kommunikation im Netz etwas entgegen, das sich noch dem Zugriff der Techno-Logik zu entziehen scheint.

Indem die Prinzipien der Gestaltung natürlicher Kommunikation aufgegriffen und akustisch verdeutlicht werden, geben diese Kompositionen deutliche Hinweise darauf, wie und unter welchen Umständen natürliche Kommunikation in ihrer komplexen Vielstimmigkeit gelingt.

Wir könnten hieraus schlussfolgern, wie wir z.B. unsere Kommunikation im Netz gestalten müssen, um als Lebewesen erkannt zu werden und uns von der künstlichen Kommunikation zu unterscheiden. Und wir könnten versuchen zu verstehen, auf welche Weise wir nicht als Apparat gedeutet werden, bzw. wie wir kommunizieren müssen, damit wir nicht von den Apparaten ausgewertet und nachgeahmt werden.

Wir könnten uns aber auch als einen Teil inmitten möglicher Verbindungen und Verknüpfungen wahrnehmen, wo Natur und Kultur zunehmend verschmelzen, und zwar in einer Welt, die diesen Unterschied längst aufgelöst hat und die dennoch versucht, an dieser historischen Errungenschaft und hartnäckig ausgeprägten Polarität der „zwei Kulturen“ festzuhalten.

In den interaktiven Bildern kommt diese hybride Vielstimmigkeit, die uns gegenwärtig in allen Lebensbereichen begegnet, auch visuell auf mehreren Ebenen zum Ausdruck, z.B. durch die Vermischung von QR- Codierung und kaleidoskopisch komponierten, natürlichen Originalpartituren und den in Grundfarben zerlegten photographisch hochaufgelösten Naturaufnahmen.

 

Welle

Das verbindende Element zwischen Licht und Klang ist die Welle, die in einer Ecke des Ausstellungs-Raumes anhand von 16 Lautsprechern akustisch unmittelbar wahrnehmbar ist. Die Raum-Klang-Installation macht einen weiteren elementaren Aspekt, die mathematisch berechenbare Seite von Kommunikation akustisch wahrnehmbar. Das mathematische Prinzip tritt im Rauschen der natürlichen
Wasserwelle sowie im Geräusch des Rollens einer Kugel akustisch gleichwertig in Erscheinung. Zusätzlich erzeugt der Raum Klang die Illusion von Bewegung und Materie.

Die Klanginstallation stellt das Rauschen der Wellen dem Rauschen einer Kugel gleichwertig gegenüber. Das diffuse, einer fuzzy Logik folgende Naturprinzip ist auf mathematischer Ebene ebenso ein Algorithmus wie das Bewegungsmuster einer rollenden Kugel. Auf dieser Ebene kann somit ein Austausch der Qualitäten erfolgen, das Flüssige, Fluide wird als Grundprinzip der materiellen eher statischen Welt wahrnehmbar, wie das immer gleiche zirkuläre, zyklische Auf und Ab einer mathematischen Grundform Teil der Naturprozesse etwa des Meeres.

 

Licht

7200 NASA Satellitenbilder der Sonne werden in einer Animation von 10-50 Bildern pro Sekunde zusammengesetzt, wodurch die ansonsten nicht sichtbaren Bewegungen in der Chromospghäre der Sonne zur Anschauung kommen.
Gleichzeitig werden nicht hörbare Anteile von Insektenklängen anhand eines speziellen Verfahrens in den menschlich hörbaren Raum transportiert.

Die Partitur von Beschleunigung durch die immense Vielzahl der Bilder in der Animation verkürzt die Zeit. Demgegenüber wird die Zeit durch die Verlangsamung in der Tonspur der Insektenklänge verlängert. Die Partitur, die beiden Prozessen zugrunde liegt, ist jeweils dieselbe. Sie macht sichtbar beziehungsweise hörbar, was uns ansonsten verborgen bleibt. Der beiden Prozessen zugrundeliegende Zoomfaktor wird durch die sich verändernde Größe der Sonne nachempfunden.

Diese ästhetische Zusammenführung und technologische Gleichsteuerung beider Sinneswelten von Licht und Klang zeigt uns, wie das Leben außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmung spielt und wie es als System unausweichlich aufeinander bezogen ist. In der Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft bzw. Technologie lässt sich das allmächtige, allem Leben zugrundeliegende Prinzip formelhaft darstellen und somit unmittelbar in seiner puren Intensität wahrnehmen.
Durch die faktische Darstellung der Koppelung von Sonne und Leben erscheint uns der Gedanke an die Erd-Erwärmung nun tatsächlich existentiell.

 

Multiplen

Die beiden interaktiven Bild Serien sind konsequenterweise als Multiple ausgelegt. Dadurch wird eine klare Position bezogen, die beabsichtigt, die Kernaussagen über das Wesen von Verknüpfung und Gleichwertigkeit, von Kommunikation und Einsicht, von Handlungsspielraum und Verantwortung „massenhaft“, für das „gemeine Volk“ und in „elementarer Form“ weiter zu tragen.

Mit dem Erwerb der Multiplen und seiner QR-Codes ist der Betrachter jedoch nicht nur zum Sender dieser Botschaften geworden, sondern er hat auch gleichzeitig einen Empfänger erworben.
Denn der auf dem Bild angebrachte QR-Code kann immer wieder neu hinterlegt werden, sodass der Betrachter bei Abruf eine jeweils veränderte Nachricht empfangen würde. Die Steuerung hierüber allerdings bleibt in den Händen der professionellen Kunstproduzenten, die auf dieser Metaebene als Sender der Einsichten in Grund-Prinzipien hybrider Prozesse fungieren und mit der Verbreitung des Kunstwerkes den Appell der Verantwortlichkeit bewusst in die Welt hinaus streuen.