WHY KNOT?

WHY KNOT?

Rhizome – Connection – Icon

13.01.-11.02.2018
Galerie GEDOK Karlsruhe
Markgrafenstr.14, 76131 Karlsruhe

Mi-So 16–19 Uhr, Karlsruher Galerien-Tag 20.01.17, 15–20 Uhr

Vernissage: 12.01.2018, 19 Uhr
Einführung: Dr. Annette Hünnekens
SolarSonical Insects, Konzertinstallation mit Carolin E. Fischer, Blockflöten

Die Ausstellung zeigt Werke von Sabine Schäfer, dem Künstlerpaar <SA/JO> und Ulrich Singer (GREENCODE) sowie ein Lichtklang-Objekt aus Plasma-Ionen-Lautsprechern des Medienkünstlers Lorenz Schwarz vom 7.-11.2.2018.

Galerie GEDOK Karlsruhe, 13.01.-11.02.2018 WHY KNOT? Ausstellung Sabine Schäfer Foto: A.Hünnekens

Galerie GEDOK Karlsruhe, 13.01.-11.02.2018 WHY KNOT? Ausstellung Sabine Schäfer Foto: A.Hünnekens

Galerie GEDOK Karlsruhe, Dr. Christa Hartnigk-Kümmel, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT?  Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Carolin E.Fischer, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT?  Foto: A.Hünnekens

Galerie GEDOK Karlsruhe, Carolin E.Fischer, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT?  Foto: A.Hünnekens

Galerie GEDOK Karlsruhe, Dr. Annette Hünnekens, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT?  Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Sabine Schäfer, Vernissage 12.01.2018 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Sabine Schäfer, Vernissage 12.01.2018 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.2018 WHY KNOT? Foto: A.Hünnekens

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Galerie GEDOK Karlsruhe, Vernissage 12.01.18 WHY KNOT? Foto: Anne-Marie Letsch

Begleitprogramm
KNOT I: 20.01.2018, 19 Uhr, Live-Performance mit Studierenden der Hochschule für Gestaltung HfG Karlsruhe, Leitung und Kurator Dr. Paul Modler
KNOT II: 07.02.2018, 17 Uhr, „Kommunikation als Prozesse des Lebens“ Veranstaltung im Rahmen der AWWK Akademie für Wissenschaftliche Weiterbildung Karlsruhe mit Sabine Schäfer, Gäste: Jacques Hawecker (ehem. technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Elektronenmikroskopie des KIT) und Lorenz Schwarz (Medienkünstler). Begrenzte Teilnehmerzahl. Anmeldung per Email: awwk@awwk-karlsruhe.de oder Tel. 0721-608-47974, mehr…
KNOT III: 07.-11.02.2018, MI-SO 16-19 Uhr, Lichtklang-Objekt von Lorenz Schwarz, exklusiv eingerichtet für die Wiedergabe der klangmikroskopischen Kompositionen von <SA/JO> und Sabine Schäfer (Weltpremiere)
KNOT IV: 11.02.2018, 16 Uhr Finissage, Live-Performances und Gespräch mit Carolin E. Fischer, Dr. Annette Hünnekens, Dr. Paul Modler, Sabine Schäfer und Lorenz Schwarz

Aktuell gehen Technologie und Naturwissenschaft zunehmend vielfältige kommunikative Verbindungen nach Regeln kreativer Verknüpfung ein. Die dabei entstehenden Hybride haben nicht nur neue Materialeigenschaften, sondern können immer auch mit Blick auf ihre Codes gelesen werden. Im Spannungsfeld zwischen der naturhaften Welt der Rhizome und der abstrahierten Welt der Zeichen und Ikone werden Verbindungsmuster zwischen analog und digital wahrnehmbar.
Die Ausstellung, konzipiert als audio-visuelle Rauminstallation, bringt nicht nur Licht zum Klingen, sondern zeigt in den Arbeiten und Kooperationen von Sabine Schäfer, wie Verknüpfungen in unterschiedlichen Dimensionen ein unsere Zeit prägendes synästhetisches Erleben analoger Welt und digitaler Realität hervorbringen.

Die Nutzung der QR-Codes als Bild-gebendes Element und als Zugang zu den Audio-Kompositionen berührt gleichzeitig grundlegende Prinzipien und Elemente von Kommunikation als Prozesse des Lebens.

kuratiert von Dr. Annette Hünnekens und Sabine Schäfer

Zur Ausstellung:
Die Medienkunstausstellung bespielt zwei unterschiedliche Räumlichkeiten und setzt der Kunst im Galerieraum der GEDOK Karlsruhe auch Werke der Kunst für den öffentlichen Raum hinzu.

Somit spielen sich die medialen Ereignisse nicht nur im Innenraum der Galerie sondern auch im Außenraum ab. Beide Räume sind durch eine Fensterwand getrennt, wodurch es möglich wird, den Blick hinein in den Innenraum in die nach außen zeigende Installation zu integrieren. So werden diese visuell als auch auditiv (durch nach außen zeigende QR-Codes für die Musikübertragung) zu permeablen Räumen der Kunst, zu begehbaren Ereignissphären, die nicht mehr zwischen Innen- und Außenfeldern, privaten und öffentlichen Räumen zu unterscheiden scheinen.

Im Fokus stehen audiovisuelle Mikro- und Makrodimensionen. Das vorherrschende Motiv ist die Versinnlichung und Gleichbewertung der grundlegenden Prinzipien und Elemente von Kommunikation als Prozesse des Lebens.

Die Kunstwerke:

AUSSENRAUM

MicroSonical Shining Biospheres No. 1/2
<SA/JO> Sabine Schäfer / Joachim Krebs.
Mikroklang-Lichtbild-Skulptur mit Audio per QR Code.
REM-Lichtbilder-Galerie Leuchtkästen, 2009/17

INNENRAUM

SolarSonical Insects
<SA/JO> Sabine Schäfer / Joachim Krebs.
Audio-Video-Installation, 2012
Animation (10-50 Bilder pro Sekunde) aus 7.200 Bildern des NASA-Satelliten „Solar Dynamic Observatory“ (SDO) von der Sonne aus dem Jahr 2011 (Dt. Luft-u. Raumfahrtzentrum und Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung)

AudioBiospheres
Sabine Schäfer. Multiple. Interaktive Druck-Serie mit Audio per QR Code, 2017

MicroSpheres of Nature
Sabine Schäfer. Interaktive Druck-Serie mit Audio per QR Code , 2017

TopoPhonic Lines
Sabine Schäfer: 16-kanalige Raum-Klang-Installation, 2015

GREENCODE
Pflanzen-Objekt mit Audio per QR-Code, 2017
Sabine Schäfer / Ulrich Singer.

Lichtklang-Objekt (7.-11.02.2018)
von Lorenz Schwarz
Bei dieser Mehrkanaltoninstallation wird Klang durch audiomodulierte Hochspannung erzeugt. Zwischen Elektroden entstehen so Plasmalichtbögen. Die optischen und akustischen Besonderheiten dieser experimentellen Lautsprecher werden künstlerisch herausgearbeitet und in einer minimalistischen Laborästhetik als Klanginstallation präsentiert.
In Ergänzung zur Ausstellung ist die mehrkanalige Soundartinstallation von Lorenz Schwarz aus Plasma-Ionenlautsprechern vor allem eine Apparatur, die als Instrument fungiert, auf dem verschiedene Kompositionen in 360 Grad erklingen können. Für die Ausstellung wird die Wiedergabe der <SA/JO>schen Audio-Komposition „SolarSonical Insects“ exklusiv eingerichtet.

 

Dr. Annette Hünnekens

WHY KNOT?
Rhizome – Connection – Icon
Ausstellung mit audio-visueller Rauminstallation von Sabine Schäfer

Verknüpfung (Verkettung)

Der Titel „Why Knot?“ bringt die Kernaussagen der Ausstellung auf den Punkt. Denn sie fragt nicht nur danach, wie wir verbunden sind und stellt auch nicht zur Diskussion, ob und wie wir verbunden sind, sondern sie fragt danach, warum wir uns, die Welt oder die Dinge überhaupt verbinden sollen?

Eine der möglichen klassisch humanistischen Antworten hierauf wäre, um in diesem der Kommunikation zugrunde liegenden Akt Entlegenes und nicht Wahrnehmbares in unseren Horizont zu rücken, um all dieses besser wahrnehmen und somit verstehen zu können.

Denn wenn wir Dinge verstehen, können wir sie unter Umständen nicht nur synthetisch herstellen, sondern auch entscheiden, ob und wie wir generell handeln möchten. Der Verknüpfung als Mittel zur weiteren Waren-Expansion, zur Erfindung und Entwicklung von so genannten intelligenten Materialien und Waren z.B. durch bionische Hybridbildung wird die Verknüpfung als Mittel zur Einsicht gegenübergestellt.
Dem seriell scheinbar intelligent gewordenen Bild, dem Materie gewordenen Klang steht die pure „Einsicht“ der Bewegtbild-Sequenz in „SolarSonic Insects“ gegenüber.

Wir haben also die Wahl was wir mit diesem Wissen und Erkenntnissen anstellen wollen.

Das größere Verständnis aller Zusammenhänge bietet uns eine wesentlich bessere Entscheidungsgrundlage für alle Verknüpfungsvorgänge, die in der Zukunft möglich werden. Und so können wir unmittelbar die Kosten und Konsequenzen ablesen, die entstehen, wenn wir unsere Verknüpfungsaktionen und Handlungen allein durch marktwirtschaftlichen Profit begründen wollen.

Knoten

Die Knoten wie wir sie hier knüpfen, sind als Angebote zu verstehen, Reservoirs von Grundprinzipien mit Prinzipien verschiedener Bedeutungsfelder in Verbindung zu bringen, so dass der Betrachter sich der eigenen Kraft gewahr wird, am Ende in einen vollkommen neuen Bereich vorzustoßen, den niemand zuvor beachtet hat und mit dem er sehr schnell zu weiterführenden Einsichten gelangen kann. Die Art der Verbindungen sind so offen, wie die der Wahrnehmung zugrundeliegenden Prozesse selbst. Sie sind sowohl von assoziativen wie akkommodativen Anpassungen geprägt und gehen weit über semiotisches Driften hinaus.

Wollte man den Knoten als einen gordischen verstehen, so läge die Herausforderung darin, die erkannten Verbindungen und Zusammenhänge zielführend aufzulösen, um zu neuen Ansätzen zu gelangen, ein globales Problem von einer vollkommen neuen Seite her anzugehen und eventuell zu ungewöhnlichen Lösungsstrategien zu gelangen.

Dass und wie wir mit unserer Umwelt verbunden sind, ist seit der Systemtheorie nichts wirklich Neues, jedoch ein wichtiger Ansatz, der bis heute immer wieder voller Überraschungen steckt. Denn je nachdem, wie die Codes heute in den verschiedenen Lebenszusammenhängen beschrieben und eingesetzt werden, werden neue Kontexte und Wirklichkeiten geschaffen, ähnlich jener Prozesse der neuronalen Netze.

Gleichwertigkeit

So wie die Parameter unserer Wahrnehmung, Licht, Farbe und Klang im Wellenspektrum als gleichwertige Größen behandelt werden, so ist auch das ästhetische Prinzip der einzelnen Werke mit Bezug auf die Rhizomatik von Gleichwertigkeiten geprägt.
Der rhizomatischen Gleichwertigkeit liegt ein gemeinsames Wertesystem zugrunde, in dem Systeme von Linearität und Hierarchie Unter-Strukturen darstellen und sich dem Gesamtsystem der Gleichwertigkeit der Teile unterordnen. Diese sind im Miteinander, im Konzert der Teile, in der Synthesis aufgehoben und zeigen uns ihre ästhetische Qualität. So wird ein Code im Kunstwerk dem fotografischen Abbild ebenbürtig auch wenn dieser einem völlig anderen Sprach- und Zeichensystem zugehört.

Durch den Einsatz des QR Codes wird der Betrachter zum Steuermann seines synästhetischen Erlebnisses, das er zu einem beliebigen Zeitpunkt beginnen lassen bzw. enden lassen, über Kopfhörer oder über seinen Lautsprecher am Handy wahrnehmen kann oder das er tatsächlich auch mitnehmen kann. Das ästhetische Erleben gelingt, wenn die Situation des Multitasking in der Fähigkeit zur Integration der verschiedenen Wahrnehmungsebenen aufgeht.

Ob afrikanische Pflanzenwelt, Insektenwelt oder die Sonne als Königin unseres Kosmos, all diese Bildzeichen sind wesentliche Bestandteile und Grundlagen des Lebens.
Ihnen gemeinsam ist auch der Zoom-matische oder mikroskopische, Skalierungen verändernde Blick, dem sie unterzogen werden und unter dem die Prozesse der gegenseitigen Akkommodation und Assimilation und der hybriden Vereinigung erst gelingen können.
Unter dem Betrachtungswinkel der Gleichheit der Teile werden das Zusammenspiel und die gegenseitige systemische Verbundenheit als fließend-prozesshafte Parameter des Werdens und Vergehens erfahrbar.

Die Bilder spielen mit unserer Bild – und Hörerwartung, mit informationellen und narrativen Mustern.
Zum einen fühlen wir uns vertraut mit der Bild- und Zeichensprache, jedoch durch Stilisierungen, Montagen und Brüche sind wir auch aufgerufen, Verbindungen und Verknüpfungen d.h. Bedeutung aus den Gesten der Deutungen zu generieren.
Die akustische Spur aktiviert das Kino im Kopf, wobei das Stück vom Rezipienten geschrieben wird. Die simple Logik des „on-off“ wird durch Dekontextualisierung unterwandert. Dies vollzieht sich zum Beispiel dadurch, dass der Betrachter nach dem Lesen des QR Codes weiter an den Bildern vorbei schreitet und dabei den Sound sozusagen klingend mitnimmt. Dadurch wird er selbst zur Klang-Quelle, und ebenso zu einem Teilnehmer am Konzert der Tierwelt. Das akustische Klang-Ereignis verteilt die Verantwortung für das gemeinsame Konzert.

Icon

Im QR Code wird das Bild zum Programm und Icon, das abgerufen, gelesen und ausgeführt werden kann. In einer Kunstwelt wird die Verknüpfung durch Icons hergestellt, die Natur erscheint dort in Stücken digitalisierter, hochvergrösserter Komposition.
Da, wo tatsächlich Schmetterlinge durch Waldlichtungen fliegen und wo im Dickicht der Gräser zirpendes Kleingetier und Insekten ihre Botschaften austauschen, werden sie durch Bildprogramme der Icons ersetzt. Wird diese Welt größer, werden sich unsere Sehgewohnheiten verändern, wir werden alles wie durch eine rosarote Brille der Icons sehen, erwarten, dass für uns gelesen, gehört und inszeniert wird – so wie heute schon zwischen Welt und Mensch ein ganzes Rudel von Icons geschaltet ist und wir kaum noch etwas primär ohne die Beteiligung smarter Technologie wahrnehmen. Subtexte zu lesen und ikonographische Bildprogramme zu verstehen war traditionell der jeweiligen Bildungsschicht vorbehalten. Indem wir dieses Vermögen an Apparate abgeben, wird der Betrachter auf die letzte, auf Reiz-Reaktion basierende Instanz der Informationsverarbeitung zurück verwiesen. Die Bewegung der Transhumanisten sehen hierin den Beginn einer Evolution zweiter Ebene.

Kommunikation

Was macht unsere Kommunikation im Wesen aus, wie erkennt man, dass es sich bei den Teilnehmern um ‚echte Lebewesen‘ handelt und nicht um Maschinen oder um ‚intelligente‘ Kommunikation?
Die Kompositionen der Tierstimmen könnten auch „Sound of the Global Originals – Music for the Native Natural Inhabitants of the World“ heißen, denn sie markieren einen Kontrapunkt zur weltweit zunehmenden intelligenten technologisch unterstützten IT Kommunikation. Zwar wird digitale Technologie eingesetzt, um gewisse Tierstimmen in ihrer Gänze hörbar werden zu lassen, doch bleiben ihre inneren Klangstrukturen proportional erhalten und werden nicht verfälscht. Somit wird es uns mikroskopisch möglich, ihre innere Logik zu erleben und wahrzunehmen, was das Wesen von Kommunikation ausmacht.

Im weitesten Sinne können die Vertreter dieser hörbarer gemachten Stimmen als „Botschafter für Naturkommunikation“ aufgefasst werden und setzen mit ihrer naturhaften Kommunikationsstruktur unserer heutigen technologisch geprägten Kommunikation im Netz etwas entgegen, das sich noch dem Zugriff der Techno-Logik zu entziehen scheint.

Indem die Prinzipien der Gestaltung natürlicher Kommunikation aufgegriffen und akustisch verdeutlicht werden, geben diese Kompositionen deutliche Hinweise darauf, wie und unter welchen Umständen natürliche Kommunikation in ihrer komplexen Vielstimmigkeit gelingt.

Wir könnten hieraus schlussfolgern, wie wir z.B. unsere Kommunikation im Netz gestalten müssen, um als Lebewesen erkannt zu werden und uns von der künstlichen Kommunikation zu unterscheiden. Und wir könnten versuchen zu verstehen, auf welche Weise wir nicht als Apparat gedeutet werden, bzw. wie wir kommunizieren müssen, damit wir nicht von den Apparaten ausgewertet und nachgeahmt werden.

Wir könnten uns aber auch als einen Teil inmitten möglicher Verbindungen und Verknüpfungen wahrnehmen, wo Natur und Kultur zunehmend verschmelzen, und zwar in einer Welt, die diesen Unterschied längst aufgelöst hat und die dennoch versucht, an dieser historischen Errungenschaft und hartnäckig ausgeprägten Polarität der „zwei Kulturen“ festzuhalten.

In den interaktiven Bildern kommt diese hybride Vielstimmigkeit, die uns gegenwärtig in allen Lebensbereichen begegnet, auch visuell auf mehreren Ebenen zum Ausdruck, z.B. durch die Vermischung von QR- Codierung und kaleidoskopisch komponierten, natürlichen Originalpartituren und den in Grundfarben zerlegten photographisch hochaufgelösten Naturaufnahmen.

Schmetterlingseffekt

Der Schmetterling als ein wesentlicher Bestandteil der Ausstellung trägt auf allen Ebenen der Verknüpfung Bedeutung und ist selbst Instrument der Verknüpfung. Wie in der natürlichen Umgebung sorgt er auch hier dafür, dass Samen in Form von Impulsen weitergetragen werden und Früchte in Form von Ideen und Zusammenhängen heranwachsen können.
In seiner Fragilität erinnert er an die Flüchtigkeit der Gedanken, an deren Schönheit und Stimmigkeit, aber auch an deren bipolaren Charakter von Gut und Böse, einer Zweigesichtigkeit, wie sie jeder Schöpfung anhaftet. Analog wie digital ist er präsent, erstarrt angesichts der unglaublichen Kraft der Sonne, flatterhaft als digitales Icon, das in der bereits abstrahierten Natur Spuren der Erinnerung an die verstummende Vielfalt analoger Tierklänge evoziert.

Wir ahnen, was dessen leiser Flügelschlag nicht erst in der Zukunft bewirken wird.
Die Verdoppelung seiner Erscheinung in der Ausstellung ist Programm und Spiegel unserer komplexen Medienwirklichkeit und ihrer Realität schaffenden Vernetzung.
Längst erleben wir das, was aus der Chaostheorie als Schmetterlingseffekt bekannt ist und befinden uns inmitten der Exponentialität der Veränderungsgeschwindigkeit digitaler Prozesse. Instrumente digitaler Skalierung ermöglichen es wiederum, dass wir dennoch diesen Prozessen zumindest folgen können.

Erhöhung

Das Hinzufügen eines schwarz-weißen Rasters auf einer kolorierten Farbfotografie folgt mechanisch gesehen dem Prinzip einer Collage. Die Verknüpfung beider Herkunftswelten zu einer neuen Welt der Bedeutung geschieht im Auge des Betrachters.

Wäre da nicht das zweite Auge des Smartphones!

Dieses sieht mit und gibt dem Bild eine zusätzliche akustische Ebene, die mit dem Bild verknüpft wird indem es ein Smartphone erklingen lässt, das zuvor den Code entziffert hat.

Wir kennen eine Vielzahl von Arten der Informationsanreicherung etwa aus der Welt der kommerziellen wie auch der musealen Artefakte. Auch dort werden zunächst nicht etwa uns, sondern Apparaten verborgene Ingridentien, Inhaltsstoffe oder Eigenschaften mitgeteilt, die für unser Auge oder unsere Sinne so lange unsichtbar bleiben, bis wir diese mit einem Apparat entschlüsseln. Prompt wird dann für uns gelesen, gespielt, präsentiert, ob wir das wollen, oder nicht. Im Idealfall können wir uns noch entscheiden, wieviele und ob wir überhaupt zusätzliche Information möchten. Doch werden diese Brücken immer kleiner und die Verknüpfungen von Dingen mit Informationen und Signalen unmittelbarer. Das erhöhte Bild bekommt einen anderen Charakter, einen lebendigen, ja intelligent wirkenden Charakter.

Die Erhöhung scheint von uns, die wir seit der Entdeckung unserer Hand als Werkzeug und später des Stockes gewohnt sind, unsere Fähigkeiten mit Geräten, Instrumenten Tools zu erweitern, ebenso auf alles Dinglich-Materielle über zu gehen. Das Netz aus Gleichzeitigkeit und Mehrkanaligkeit von Information und Materie, sei sie lebend oder tot, sei sie Bild oder Zeichen, zwingt uns in ein System von Mensch und Apparat, in dem nicht nur das Ursache-Wirkungsprinzip aufgehoben ist, sondern auch jegliche Kriterien der Unterscheidung. In diesem System gehen Natur und Kultur fließend auf allen Ebenen in einem dritten Zustand ein, den wir als hybriden kennen.

Welle

Das verbindende Element zwischen Licht und Klang ist die Welle, die in einer Ecke des Ausstellungsraumes anhand von 16 Lautsprechern akustisch unmittelbar wahrnehmbar ist. Die Raum-Klang-Installation macht einen weiteren elementaren Aspekt, die mathematisch berechenbare Seite von Kommunikation akustisch wahrnehmbar. Das mathematische Prinzip tritt im Rauschen der natürlichen Wasserwelle sowie im Geräusch des Rollens einer Kugel akustisch gleichwertig in Erscheinung. Zusätzlich erzeugt der Raum-Klang die Illusion von Bewegung und Materie.

Die Klanginstallation stellt das Rauschen der Wellen dem Rauschen einer Kugel gleichwertig gegenüber. Das diffuse, einer fuzzy Logik folgende Naturprinzip ist auf mathematischer Ebene ebenso ein Algorithmus wie das Bewegungsmuster einer rollenden Kugel. Auf dieser Ebene kann somit ein Austausch der Qualitäten erfolgen, das Flüssige, Fluide wird als Grundprinzip der materiellen eher statischen Welt wahrnehmbar, wie das immer gleiche zirkuläre, zyklische Auf und Ab einer mathematischen Grundform Teil der Naturprozesse etwa des Meeres.

Lichtklang

7200 NASA Satellitenbilder der Sonne werden in einer Animation von 10-50 Bildern pro Sekunde zusammengesetzt, wodurch die ansonsten nicht sichtbaren Bewegungen in der Chromosphäre der Sonne zur Anschauung kommen.
Gleichzeitig werden nicht hörbare Anteile von Insektenklängen anhand eines speziellen Verfahrens in den menschlich hörbaren Raum transportiert.

Die Partitur von Beschleunigung durch die immense Vielzahl der Bilder in der Animation verkürzt die Zeit. Demgegenüber wird die Zeit durch die Verlangsamung in der Tonspur der Insektenklänge verlängert. Die Partitur, die beiden Prozessen zugrunde liegt, ist jeweils dieselbe. Sie macht sichtbar beziehungsweise hörbar, was uns ansonsten verborgen bleibt. Der beiden Prozessen zugrundeliegende Zoomfaktor wird durch die sich verändernde Größe der Sonne nachempfunden.

Diese ästhetische Zusammenführung und technologische Gleichsteuerung beider Sinneswelten von Licht und Klang zeigt uns, wie das Leben außerhalb unserer sinnlichen Wahrnehmung spielt und wie es als System unausweichlich aufeinander bezogen ist. In der Zusammenführung von Kunst und Wissenschaft bzw. Technologie lässt sich das allmächtige, allem Leben zugrundeliegende Prinzip formelhaft darstellen und somit unmittelbar in seiner puren Intensität wahrnehmen.
Durch die faktische Darstellung der Koppelung von Sonne und Leben erscheint uns der Gedanke an die Erd-Erwärmung nun tatsächlich existentiell.

In Ergänzung zur Ausstellung ist die mehrkanalige Soundartinstallation von Lorenz Schwarz aus Plasma-Ionenlautsprechern vor allem eine Apparatur, die als Instrument fungiert, auf dem verschiedene Kompositionen in 360 Grad erklingen können, wie hier die Tierstimmenkomposition. Im Gegensatz zum Lautsprecher werden keine Membranen zum schwingen gebracht, sondern es wird ein Ionenlichtbogen erzeugt, der wie bei einem Blitz die verschiedenen Klänge in unterschiedlicher Höhe und Lautstärke erzeugt. Wie bei jedem Instrument wird auch hier die Originalpartitur interpretiert und von den Eigenschaften des Apparats beeinflusst.
Das digital aufbereitete Klangmaterial bekommt eine analoge Entsprechung im Wellenspektrum des Lichts, bevor es fast gleichzeitig als analoger Klang wahrnehmbar wird.

Codelabyrinth

Im gemeinsam mit Ulrich Singer konzipierten Pflanzobjekt GREENCODE wird der QR Code zu einer durchlässigen Membran. In der Gestalt eines archaischen Zeichens formt er sich in Verbindung mit emporstrebenden Gras-Elementen der Natur aus der Fläche heraus in die dritte Dimension zu einer Art Tempel. Als exterristrische Kultstätte mit mäanderähnlicher Ornamentik erinnert das Objekt auch die an kreative Gestaltungsformen der Inkas oder Azteken. Die labyrithähnlich anmutenden Formen wiederkehrender Reihung gleich grosser Quadrate zu Linien und Flächen gestaltet, sind hier wie dort Träger von Bedeutung, an der das lebendige Objekt mitarbeitet.

In einem der mit Gras bewachsenen Felder befindet sich ein Hinweisschild, auf dem der Code erneut aufgebracht ist. Jetzt erkennt man, dass die Anordnung der Quadrate in sich bereits Bedeutung tragen und für das menschliche Auge die Form eines Schmetterlings bilden, der ikonenhaft für die Welt der Insekten steht. Vom Smartphone dekodiert erklingt diese Welt in einer digital bearbeiteten Komposition von akustisch vergrößerten Insektenstimmen.
Das Schild gibt auf diese Weise Auskunft über die Bedeutung des Objekts, auf das es verweist und verdoppelt somit die Aussage der Verschmelzung von Natur und Kultur.

Doch je länger die Grashalme wachsen und sich durch die Freiflächen des Codes hindurchdrängen, desto unkenntlicher und unleserlicher wird der Code sowohl für das menschliche Auge, wie auch für das Kameraauge eines Smartphones.
Die Verbindung von Natur und Kultur scheint uns hier eine andere Information zu übermitteln. Nämlich die Tatsache, dass sich Hybride, wenn sie lebendige Anteile haben, zugunsten des ein oder anderen Parts verändern! In diesem Fall zugunsten der alle Kultur überdauernden Natur. Selbst das angebrachte Schildchen, mit Hilfe dessen der QR Code von Mensch und Apparat gelesen werden soll, wird von den emporstrebenden Gräsern überwuchert werden!

Multiple

Die beiden interaktiven Bild Serien sind konsequenterweise als Multiple ausgelegt. Dadurch wird eine klare Position bezogen, die beabsichtigt, die Kernaussagen über das Wesen von Verknüpfung und Gleichwertigkeit, von Kommunikation und Einsicht, von Handlungsspielraum und Verantwortung weit zu streuen und sie für jedermann in elementarer Form weiter zu tragen.

Mit dem Erwerb der Multiplen und seiner QR-Codes ist der Betrachter jedoch nicht nur zum Sender dieser Botschaften geworden, sondern er hat auch gleichzeitig einen Empfänger erworben.
Denn der auf dem Bild angebrachte QR-Code kann immer wieder neu hinterlegt werden, sodass der Betrachter bei Abruf eine jeweils veränderte Nachricht empfangen würde. Die Steuerung hierüber allerdings bleibt in den Händen der professionellen Kunstproduzenten, die auf dieser Metaebene als Sender der Einsichten in Grund-Prinzipien hybrider Prozesse fungieren und mit der Verbreitung des Kunstwerkes den Appell der Verantwortlichkeit bewusst in die Welt hinaus streuen.

Dr. Annette Hünnekens