Sabine Schäfer
EUROPA – so nah, so fern, 2021

Audiovisuelle Installation
mit Augmented Reality (AR) und Audio QR-Code

Metall, Glas, Grafik, Licht, Audiokomposition,
AR-Anwendung, Notenständer mit Audio QR-Codes auf Alu-Dibond-Tafeln

Premiere

Ausstellung „Europa, so fern und doch so nah!“, 1.05.-6.06.2021, ZKM Karlsruhe

im Rahmen der „25. Europäischen Kulturtage“ der Stadt Karlsruhe mehr

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Sabine Schäfer, „EUROPA – so nah, so fern“, Foto: Sabine Schäfer

Sabine Schäfer, „EUROPA – so nah, so fern“, Foto: Sabine Schäfer

Sabine Schäfer, „EUROPA – so nah, so fern“, Foto: Sabine Schäfer

Sabine Schäfer. EUROPA – so nah, so fern, 2021

Das Kernstück der Ausstellung ist eine zweiteilige Arbeit der Karlsruher Medienkünstlerin und Komponistin Sabine Schäfer. Ihre Werke sind Bestandteile der Sammlungen des ZKM und der Stadt Wolfsburg.

Die zweiteilige Arbeit hat visuelle und auditive Komponenten: In das freistehende, leuchtende Leichtmetall-Objekt sind 16 bedruckte Glasplatten eingehängt. Ihm zugeordnet ist ein Trio aus Notenständern, welche die Notationen einer dreiteiligen Klangkomposition anhand von großformatigen QR Codes bereithalten.

Die Bildergalerie präsentiert in doppelter Reihen-Hängung um das rechteckige Objekt herum farbenfrohe Portraits der Erde in den Tönen Blau, Gelb-Orange bis hin zu Rot und grellem Weiß.

Diese sind Satellitenaufnahmen von acht kontinentalen Ansichten und ebenso vielen Hauptstädten der Europäischen Union und zeigen Ansichten bei Nacht.

Das Basismaterial der Stadtansichten sind Satellitenaufnahmen der ISS, International Space Station, die von Wissenschaftlern für dieses Projekt aufbereitet wurden. Vier von acht der erwähnten Großstadtansichten können mit einem Smartphone oder Tablet sowie der kostenlosen Augmented Reality-App von ARTIVIVE gescannt werden.

Entgegen der lichtdurchfluteten Großstadtansichten geben die weniger bis gar nicht erleuchteten Ausschnitte der Erde den Blick auf Planquadrate frei, die auf den eher natürlichen Zustand der Erdoberfläche verweisen und von der Sonne abgewandt, nicht von selbst leuchten.

Dort, wo uns die Leuchtkraft der Städte ihr strukturelles Muster Preis gibt, sind diese durch bläulich anmutende Rahmungen im oberen und unteren Bereich in ein für das Kinobild charakteristisches Querformat geformt. Diese Rahmungen sind ästhetisch als Erd-Atmosphäre angedeutet, sie verweisen jedoch im Kontext der Großstädte auf das ihnen eigene Ambiente – den unsichtbaren Dunst, der seit ihrer Entstehung über ihnen liegt. Die dekontextualisierte Atmosphäre wird zur Rahmung und damit zu einem inhaltlichen Element, das als Preis gedeutet werden kann, ohne den weder die Großstadt, noch der Blick auf diese zu haben sind.

Mit Mitteln der Augmented Reality kann der Betrachter per Bild-Scan-App virtuelle Zoom-In- Fahrten in die Großstädte, Berlin, Brüssel, Paris und Rom unternehmen und seinen visuellen und gedanklich assoziativen Blick auf Verläufe und Relationen in Gang setzen bzw. verändern.

 

Die imaginären Kamerafahrten zeigen die weit verzweigten, leuchtenden Straßenzüge der EU Hauptstädte in ihrer Vernetzung und Fragilität. Der Faktor Zeit führt diese Fahrten auch gleichfalls in einen historischen roten Faden über, ist doch die Entwicklung der Großstädte nicht ohne die Überwindung und Strukturierung von Raum und Zeit zu denken, auch unabhängig von Tag und Nacht. Licht scheint hier symbolisch für die Unterwerfung und Kolonialisierung nicht nur von Raum sondern auch von Zeit zu stehen, und verweist auf die Bemächtigung und Beugung physikalischer Größen und ihrer Transformation in Energie, Kommunikation und Datenübertragung.

Den assoziativen Gedanken an neuronale Zusammenhänge, Vernetzung und Netzwerkbildung sind bei einer solchen Betrachtung von einem außenstehenden Standpunkt oder besser, von einer astronautischen Blickweise aus, keine Grenzen gesetzt.

So keimt auch der Gedanke an künstliche Welten auf, die sich rund um den Erdball lautlos zu formen und vermehren scheinen, wie die drei Kreismonde auf der Ansicht der Benelux-Länder andeuten. Oder ist dies schon die Sichtbarkeit jener Blasen, in denen sich unsere digitale Welt, bis zum Einzelnen hinunter, zurückzieht? Vielleicht aber befinden wir uns längst schon in einem „Himmelfahrtskommando“ und blicken aus weiter Ferne auf die uns unmittelbar bevorstehenden Katastrophen, Infernos und Zusammenbrüche. Der astronautische Blick auf die Erde ist in jedem Fall ein Blick in der Schwebe und ein Blick aus großer Distanz und lässt erst auf diese Weise die immensen Dimensionen globaler Wirkkräfte erahnen.

Folgerichtig kehren die beiden Bildmotive an den Schmalseiten der Installation die Größen der Orientierung schließlich konsequent auf den Kopf: So sind alle Horizonte im Hochformat gegeben, sodass sich das Leuchtgeschehen der Städte einem Betrachter im nunmehr frei schwebendem Zustand nur noch als glitzernder Lichtregen zeigt, der alles bedeuten kann – von Kriegen bis hin zu Eruptionen der Erde oder großflächigen Waldbränden, deren Ausmaß wir tatsächlich nur durch die Satellitenbilder der Medien erfahren können.

Unter diesem globalen Blick tritt Europa in weite Ferne und die Besinnung auf seinen Zusammenschluss vor über 70 Jahren zum Zwecke der Lösung ökonomischer und ökologischer Aufgabenstellungen lässt die europäische Idee der Länder übergreifenden Lösung globaler Fragen in einer nächst größeren Gemeinschaft im Sinne eines globalen Zusammenschlusses fortleben.

Der interaktiven astronautischen Großinstallation ist ein Trio aus Notenständern beigeordnet, das sich gegenseitig zugewandt und in verschiedener Höhe ausgefahren, an eine Kleinfamilie denken lässt. Anstelle von Noten hält jeder Ständer jedoch eine Tafel, auf der ein QR-Code in unterschiedlicher Position und Größe zu sehen ist. Wird dieser vom Betrachter mit seinem Smartphone gescannt, so ertönt je Code eine eigene Klangkomposition. Die Kompositionen deuten und kommentieren die aktuelle Situation in dreierlei Weise: visionär-fiktional, klassisch kathartisch oder rein wissenschaftlich.

Hierfür wurden originale Stimmen Studierender des KIT, Karlsruher Institut of Technology und der Musikhochschule, Karlsruhe, verwendet.

Jede der Audio-Kompositionen lässt auditive Bilder entstehen, die auf konnotative Weise unterschiedliche Befindlichkeiten vermitteln und den Blick auf die fernen Portraits unserer aktuellen, technisch geformten Erde begleiten.

Die kompositorische Vielstimmigkeit lässt jede Polarisierung zugunsten der unbestrittenen Wahrnehmung eines Notstands und der Aufforderung an jeden Einzelnen, verantwortlich und selbstbestimmt zu handeln, verstummen.

(Dr. A. Hünnekens – Auszug aus der Einführung zur Ausstellung)

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